Ochs und Esel

aus aktuellem Anlass – eine Kneipen -Wein8s -Miniatur:

Ochs und Esel

Franz nimmt einen tiefen Schluck vom Bier und schaut sich um, die Lippen noch schaumweiß. Zusammengekniffen hat er die Augen, als hätt er die Brille vergessen.
Am Tresen geht’s eng zu, der Laden brummt.
„Weißt du, sagt er zu seinem Nebenmann, „am heiligen Abend sollt eigentlich keine Kneipe offen haben.“
„Was?“ Der Bernhard schaut ihn verdutzt an.
Seit einer Stunde sitzen sie jetzt schon da, das dritte Bier mittlerweile. Gleich nach dem Franz war der Bernhard gekommen, sie haben sich nicht extra verabreden müssen.
Ungeschriebenes Gesetz.
Rausgeputzt hatte sich da Keiner, nicht mal für das Besondere am Abend. Da zieht sich niemand ein Hemd an, bindet sich den Schlips und wienert sich die Schuhe, wenn er einen heben geht, am Eck.
Unrasiert ist er, der Bernhard, die schwielige, breite Hand ums Glas, als müsst er sich dran festhalten. Vielleicht muss er das, oder sie tät‘ ihm unnütz vorkommen, so ohne was fest zu packen.
„Und wo sollten die Leut dann hin?“, will er wissen.
Er weist mit der Hand in die Runde.
Gemischt ist es hier, wobei die Mittvierziger die Mehrheit stellen. Irgendwo lacht jemand rau, nahtlos geht das über in einen veritablen Hustenanfall. Der lacht keine Tränen, sondern bronchitischen Auswurf.
„Ich mein das so ganz allgemein“, sagt der Franz laut ins Husten hinein. „Die Leut würden sich besinnen, verstehst du.“
„Aha, besinnen.“
Der Bernhard versteht es noch nicht, aber er hört aufmerksam zu.
„Ja, die müssten sich überlegen, was sie dann machen, verstehst, damit sie nicht einfach da hocken.“
„Was würdest jetzt du zum Beispiel da machen?“
„Ganz allgemein, vielleicht bei der Verwandtschaft oder in die Kirch gehen, mit den Lieben feiern. Über seinen Schatten springen.“
Der ist nicht groß, beim Franz, er ist ein dürrer, sehniger.
„Aha, meinst du?“ Den Bernhard hat er noch nicht überzeugt.
„Ja genau, da wär‘ praktisch ein Zwang, dieses Jahr packen wir es, bevor es uns die Luft endgültig abschnürt, oder man sich bloß noch am Friedhof über den Weg läuft.“
Bernhard nickt kurz und trinkt. Langsam wischt er sich über den Mund, zweimal.
„In China,“ sagt er dann nachdenklich. „In China geht das Weihnachten ihnen dermaßen am Arsch vorbei. Da leben Millionen, nein Milliarden von Chinesen – und Weihnachten? Wurscht. Oder in Indien, das Gleiche – auch wurscht.“
„Da schau halt bei uns, brauchst nicht nach China, den Moslem interessiert des auch nicht.“
„Vielleicht wär’s besser, man wär‘ ein Chinese oder Moslem, dann hätt‘ man seine Ruh davon, müsst sich keine rührseeligen Gedanken machen“
„Ach was, dann hättest du einen Ramadan, vergiss das nicht, da darfst du wochenlang nicht gescheit essen.“
Ah geh,  wir haben doch auch eine Fastenzeit gehabt und freitags Fisch. Meine Großmutter noch – Freitag immer Mehlspeise oder Fisch. Meistens einen Kaiserschmarrn, aber denn hat sie machen können, wie keine zweite. Zugeschlagen haben wir Kinder, schüsselweise, bis zum Platzen, mit Zimt und Zucker.“
„Weißt du, die Mönche früher, die haben einen Biber gefressen, weil der im Wasser lebt, also quasi Fisch.“

Die feste, umtriebige Bedienung kommt heran und stellt zwei frische Halbe auf den Tresen. „Wohl bekomms!“
„Sag einmal, Carola“, fragt sie der Franz, „würdest du einen Biber fressen?“
„Na wem es schmeckt, aber die sehen schon greislig aus. Ich war mit meinem Kleinen unlängst im Wildtierpark, in Poing. Diese langen Schwänze, wie eine schwimmende Ratte, und wie sie da rumwerkeln.“
„Was du da angeschaut hast, das waren die Nutria, die Wasserratzn, da haben sie früher feine Pelze gemacht draus, und Krägen für den Winter.“
„Ich glaub, geschmacklich tät das keinen großen Unterschied machen, zwischen den Beiden“, sagt der Bernhard. „Bist du jetzt unter die Zoologen gegangen oder hat deine Großmutter einen Rattenpelz umgehabt, zum Ausgehen?“

Die Frau schaut von einem zum anderen, zuckt die Achseln dreht sich weg. Irgendjemand ruft ihren Namen und sie schiebt sich durch die Leute, wie ein Eisbrecher durchs Packeis.

„Die Tiere …“, setzt der Franz an.
„Sag jetzt bloß nicht den Viechern ist Weihnachten auch Wurscht. Vergiss aber den Ochs und den Esel dabei nicht.“
Bernhard lacht sein knurrendes Lachen.
„Ich glaub, des sind schon mir beide, der Ochs und der Esel.“
„Prost Ochs“, sagt der Bernhard und stößt sein Glas gegen das vom Franz. Sie setzen an und schlucken lange. Unbeweglich, bis auf den Kehlkopf, wie Statuen.
Grübelnd starren beide dann auf den kleinen, verblichenen Plastikweihnachtsbaum vor dem Fenster mit der flackernden, bunten Lichterkette.
„Eigentlich ist es wurscht wo du bist, Hauptsache noch nicht in der Grube“, sagt der Franz schließlich.
„Das ist völlig wurscht wo du bist“, bestätigt der Bernhard, „aber es ist nicht wurscht, mit wem du wo bist.“

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Ausgefuchst

  Wenn du ein Romanautor bist, musst du ein Fuchs sein, ein schlauer, gewiefter.
Den die Schlingen sind schon ausgelegt und ruckzuck bist du aufgekragelt.
An jenem denkwürdigen Tag, wenn dein Buch (dein Baby) beim Buchhändler liegt, geht die Sonne am Morgen genauso auf, wie an jedem anderen Tag. Das ignorante Stück will kein bisschen heller strahlen. Und weder Maya – Kalender noch Nostradamus haben sich um den Tag geschehrt oder die Menschheit angemessen darauf vorbereitet.
Und plötzlich füllt sich dir der Schädel, wie mit heißem Teer –  Verkaufszahlen, Rankings und Klicks, Buchbesprechungen und Pipapo, alles könnt allerweil besser, schneller, anders und weiß der Kuckuck sein. Und nix daneben scheint Platz haben zu dürfen – alles reserviert. Sogar der depperte Neid will mitmischen –  zum Beispiel auf das Bücherl, dass du nach zehn Seiten weggehauen hast, weil es für dich ein grandioser Schund ist. Aber das verkauft sich wie Zahnpasta – scheinbar eine zwangsläufige Notwendigkeit halt.
Jetzt gehts ums Fell.
Und wie ist es mit dem Geschichten erzählen?
Deswegen schreib ich ja, weil das grandios ist – ich es nicht anders kann und will – und – wenn  einer (eine) meint, das war eine packende Geschichte vom Krause, dann ist das allerweil ein Scheit für mein Feuer.
Und für mich und die eine (den einen) kann ich erzählen, da ist kein Raum im Schädel für fünfhunderttausend, sonst würd mich die Gier umtreiben und der Spass sich derweil ein anderes, gemütlicheres Platzerl suchen.
Weil – vielleicht  bin ich nur ein Geschichtenerzähler, in anderen Zeiten hättest du mich vielleicht am Marktplatz finden können, mit einem wackligen Klapphocker unterm Hintern.
Und das ist das Faszinierende dran – aber hackeln muss ich, um ein Fuchs zu bleiben, weil es verlockend ist, der Köder ist ein fetter Bissen – und wenn der Magen knurrt, kriegst du schon mal unbändig Lust einfach zuzupacken.
Wem das jetzt zu pathetisch daherkommt  – nur zur Beruhigung: korrumpierbar bin ich allemal  😉

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Interview mit dem Autoren

Große Ehre wurde mir zuteil und ein Spass wars alleweil…

Arndt Peltner von Radio Goethe hat mich zum Roman interviewt.  Zu hören gibts das Ganze hier, einfach auf das Bildchen klicken:



 

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Unlängst bei Glatteis

Wenn man einen Roman geschrieben hat, sollte man damit raus in die Welt. Also hab ich auswärts gelesen. Wobei das mit der Welt eher metaphorisch daher kommt. Als Münchner Krimischreiber in der Münchner Krimibuchhandlung Glatteis zu lesen, dafür musst du kein Fernweh entwickeln. Quasi fußläufig erreichbar.

München Premiere für den Roman „Der Sandner und die Ringgeister“, erschienen im Piper Verlag. Zuerst die Werbung – für die Krimibuchhandlung Glatteis nämlich. Atmosphärisch anheimelnd, wenn man inmitten guter Krimis liest – beste Gesellschaft eben. Umgeben war ich von dermaßen sympathischen, wissbegierigen Menschen, dass mein Lampenfieber sich aufgelöst hat, wie die Leiche in der Säure. Ein Mords-Spaß.

A pro pos Lampen – in der Buchhandlung hatten sie ein Exemplar, dessen Lichtintensität man mit einer Handbewegung verändern konnte. Ohne Berührung – das hat was von Siegfried und Roy. Technisches Highlight – man sollt nur nicht zu ekstatisch herumfuhrwerken beim Lesen sonst wird’s zappenduster, alternativ gibt man den Ikarus. Aber gerade das richtige Quantum Luxus für einen Autor.

Schaut man sich zum Thema Lesungen im Netz um, mangelt es nicht an ausgefuchsten Ratschlägen. Das fängt schon bei der richtigen Bekleidung an. Jetzt kann man streiten, ob ein gebügeltes Hemd die Qualität eines Textes maßgeblich beeinflussen kann, sagen wir mal, schlechter wird er dadurch selten. (Es sei denn der Kragenknopf ist zu eng und der Autor röchelt seinen Text daher, als würd‘ er grad am Galgen baumeln.) Interessant ist auch der Vorschlag, die Lesung mit einem Witz zu beginnen, „damit das Eis zwischen Autor und Publikum schmelzen könne.“ Sapperlot. Den Schenkelklopfer würde ich nur unter Vorbehalt empfehlen, es gibt wahrscheinlich nix Schlimmeres als nach einem bemüht-humorigen Bonmot die ausdrucks – bzw., verständnislosen Minen der Zuhörer studieren zu dürfen. Beste Vorraussetzung für einen entspannten Abend!

Last not least: Der Autor soll sich persönlich einbringen, quasi Stallgeschichten zum Besten geben. So genannter Mehrwert für den Hörer, weil es ja wenig prickelnd daher kommt, wenn du nur dein Büchlein herunterbetest. Jetzt ist es ja so, dass ein Autorenalltag normalerweise nicht mit dem aufregenden Leben seiner Protagonisten mithalten kann. Dafür ist er aber – gerade im Fall eines Krimis – schon gesünder. Der Bewegungsmangel bzw. der Konsum von Genußgiften ist diesbezüglich eine vernachlässigenswerte Komponente. Weil – das ist sowieso die Erwartungshaltung, der man – durch vielerlei zu erbringende Opfer – gerecht werden muss. Mein Hauptkommissar Sandner wird auf vielfältig – kreative Weise Tag und Nacht malträtiert und muss diverse brenzlige Situationen überstehen. Und eine jede Zeile, die ihm Ärger beschert, ist entstanden, ohne dass ich die Couch verlassen musste. Das ist eben die klassische Arbeitsteilung zwischen Autor und Protagonisten. After all – ein spannender Abend im Glatteis ist es gewesen, runde Sache, besonders weil ich fast genau so gern lese, wie ich schreibe. Und wenn es dann noch der selbe Text ist, potenziert sich der Spaß … oder so.

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