Verwichtete Zeiten

Mutter Erde scheint der komplizierteste Ort im Universum zu sein. Digitale Herumwandlerei, feinstaubiges Röcheln, du wirst geframt, gehatet, gestalkt, „gerated“ und bespitzelt, obskure Digital-Gesetze werden beschlossen und wenn du Pech hast, ist noch der Abfluss verstopft und die Espressobohnen sind alle.
Da stellt sich die Frage, ob die 470 Grad Celsius auf der Venus das kleinere Übel wären, falls man Sonnencreme dabei hat und einen großzügig geshakten „Planters Punch“ im gekühlten Glas.
Mars oder Mond bieten selbstredend keine Alternative, da haben gewiss die Immobilien Hedge Fonds zugeschlagen, mittlerweile hat ja gefühlt jedes Land, außer Tonga, seine Frames abgesteckt und die hauseigene Staatsflagge flattern lassen. (Flattern? Ich gestehe, von den Windbedingungen vor Ort hab ich null Ahnung – da gibts bestimmt eine kluge Meterologie-App).
Doch eigentlich braucht man nicht seine sieben x sieben Sachen zu packen, vielleicht reichts den Stecker zu ziehen.

Frei nach Meister Yoda: „Tu was oder lass es, aber grübel dir nicht umsonst die Birne heiß, junger Padawan.“

Den Tag könnte man sich leichter versauen. Es gibt massig Erklärungsmodelle von Soziologen, Philosophen oder alternativen Geistesgrößen, aber letztendlich erscheint es mir, als würde man beständig gepiesackt und penetriert mit schrägen News, Halbwahrheiten und Ereignissen, als gäbe man die Voodoopuppe einer rheumathischen Welt.
Dann begegnet dir die eine Gattung Homo Sapiens, die dem Fatalismus huldigt, als wärs die seligmachende Religion. Und die anderen ballen mit finsterer Mine die Fäuste in den Hosentaschen und setzen dir einen Haufen Frust nach dem anderen auf die frisch gewienerten Schuhe, als wären sie Nachbars Lumpi und du dessen Lieblingsbaum.

Ich glaub allerdings, wer beständig sein Hirn„im großen Stil“ martert, dem geht eine Menge Augenblicke durch die Lappen. Die Besten.

Gerade hab ich zum Beispiel mal wieder in William Kotzwinkles „Mitternachtspost“ gschmökert. Was für ein genial verrücktes Buch, so kann man sich auch mit dem Medium Zeitung beschäftigen. Wenn man es abgefahren mag. Tipp am Rande – einfach lesen! William Kotzwinkle steht für `ne geballte Ladung an überdehter, fantasysprühender Schreiberei, wer sich davon einen Schuss gibt, dem zaubert es garantiert ein Lächeln auf die Lippen. Für weiterführende Literaturkritik bin ich nicht geeignet respektive nicht darauf geeicht. (Ich halte mich lieber auf der anderen Seite auf) Es fesselt oder eben nicht – das ist meine Messlatte, was zählt ist auf dem Platz.

Und als ich den Buchdeckel geschlossen habe, war da ein gutes Gefühl und eine Gewissheit. Yes, verdammt, es wird packende Musik komponiert, fantastischer Stoff geschrieben, erstklassiger Wein gekeltert, leckerstes Futter zubereitet, und um den Pathos auf die Spitze zu treiben – es gibt den Moment, wo nichts bedeutsamer ist, als warme, weiche Haut und ein entrückter Ausdruck im Gesicht deines Gegenübers.

Dann schert das „große ganze Chaos“ nicht die Bohne und das „große Ganze“ hat sich auch noch nie darum geschert, wohin ich meine Gedanken lenke – falls man das nicht Gedankenlosigkeit nennt. Man könnte diesen Zustand mit „mentaler Schwerelosigkeit“ umschreiben. Die physische wird ja überschätzt.
Hat aber nix mit Meditation zu tun und nein, ich hefte mir keine „Memento mori“ Postkarten an den Kühlschrank mit Sandstrand und Venusmuschel im Hintergrund. „Achtsamkeit“ gehört, (der, die oder das ein oder andere mags bedauern), auch nicht zu meinem Standartvokabular.

Ich denk mir aber, wenn sich das Weltgeschehen samt durchgeknallten Protagonisten unablässig als pöbelnder Gast im Hirnstüberl einnistet, macht das nichts besser und ändert null. Im Gegenteil, es lähmt und geht auf den Wecker. (Es soll ja Menschen geben, die halten „Twittern“ immer noch für aktives Handeln – ist die Steigerung von Wichtigtuer eigentlich Wichtigstuer oder schlicht „der Wicht“?)
(Nicht verwandt und verschwägert mit der mythologischen Figur des Wichts bzw. Wichtels, der ich hiermit nicht zu nahe treten will!)
Das Schlimmste was man grandiosen Narzissten samt ihren Narrenrudeln aus Claqueuren antun kann, ist Nichtbeachtung. Erste Regel sollte sein: Kein Nichtsnutz soll meine Zeit nutzen respektive ver-nichten. (Verwichten?) Also was tun?
Es bringt (mir) zum Beispiel mehr Spaß, auf dem Balkon eine Pflanze hinzutopfen, und mich am Grün zu freuen, als mich über vertrocknete Gestalten aufzuregen, die aktuell mit dem Menetekel der Öko-Diktatur hausieren gehen. (Vielleicht sollt ich mein Weidenpalmkätzchen ab jetzt Dolferl oder Augusto nennen)
Freilich sollte man selbst der hauseigenen selbstgerechten Empörung mit Misstrauen begegnen, die haut dir meistens nur den Blutdruck in die Höhe – und fruchtbarer Diskurs schreibt sich anders, zum Wachsen und Erblühen bringst du damit nix.

Aber zurück zu den „analogen“ ergreifbaren Dingen. Sie nicht aus dem Sinn zu verlieren und genießen zu können, das ist für mich ultimative Kunst – und wenn mich etwas (oder noch besser „wer“) berührt, reizt und ich was erleben kann, dann pfeif ich auf all die digitalen Vernebler, die mir die Sicht aufs Echte nehmen wollen. Und ja, es gibt sie, die Momente, von denen du weißt, jetzt möchtest du nirgendwo anders sein und nix anderes wäre vorstellbar. Mag sein, darum gehts, after all – zumindest in der heutigen Krauseschen „Montagspredigt“.

By the way – wer wissen will, wann vom Krause mal wieder Neues erscheint, dem sei hiermit geholfen. Im November. Dass ich dafür schon Tag um Tag im Tonstudio „gefristet“ habe, sei nur nebenbei erwähnt. Eine niegelnagelneue, spannende Geschichte wird es sein– sechs aufregende Lesestunden für  geneigte Ohren.
Bis dahin wird ein bisserl Zeit verstreichen. Wobei das Wörtchen „verstreichen“, wenn man drüber nachdenkt, besser passt, falls man im Regen auf den Bus harrt.

Ich wünsch allen Zeit, die sich hinkuschelt und dableibt, sich kraulen lässt und schnurrt wie eine Katz auf der Couch – oder was immer zum Platz auf der Couch samt Kraulen gut harmoniert.
Das ist ähnlich, wie mit dem Hirnschmalz. Man hat ihn, oder wähnt sich zumindest in dessen Besitz – nur, was man alles damit anfangen könnte, das ist eine ganz andere Story.

Über Roland Krause

Autor aus München, Geschichtenerzähler Romane: "Der Sandner und die Ringgeister" Piper Verlag 2011 "Fuchsteufelswild" Piper Verlag 2012 "Der Tod kann warten" 2013 "Hurenballade - Stories" 2016
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