Münchner Impress-Ionen vom nackten Affen

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„Ionen“ – das hab ich mir just angegoogelt – kommt ja aus dem Griechischen und bezieht sich auf gehen. Was ganz gut passt. Ich bin gern in der Stadt unterwegs, lass mich treiben und überraschen, bevorzugt nächtens, wenngleich es im Tageslicht auch unterhaltsam und verblüffend sein kann.
Neulich hat sich dabei ein Radler vor mir bekreuzigt. Einfach so. Es war wohl Lieferant irgendeiner Pizzaklitsche und mit rotem Firmen-Drahtesel unterwegs.
Als er mich gewahr wird, reißt er die Glubscher auf und schlägt das amtliche Kreuzzeichen.
Mag sein, dass ich gerade ein wenig düster dreingeschaut habe, und meine Seele mag gewiß voller dunkler Flecken sein, aber für den Antichristen gehalten zu werden, war eine neue Erfahrung. Vielleicht wars auch gegenteilig gemeint und er hielt mich für eine Erscheinung. Ich habs überprüft – keine Stigmata, kein Strahlenkranz, keine Flügel. Auch schade.
Alternativ könnte er mich mit einem Inkasso-Fingerbrecher verwechselt haben, dem er noch eine Schuld begleichen sollte. Gezahlt hat sie leider nix, die Memme, sich nur flott davongemacht.

In dieser Hinsicht ist die Stadt eindrucksvoll. Du bekommst jede Spielart menschlichen und unmenschlichen Verhaltens vorgesetzt, und brauchst dazu nicht getarnt, gegen die Windrichtung, tagelang hinter einem Busch ausharren, wie es Primatenkundler anderswo tun.

A pro Pos Primat. Wenn du kein Kreationist bist, hast du dich ja mit dem Gedanken angefreundet, dass der Affe ein entfernter Vetter ist (welchen Grades auch immer). Spannende Vergleiche hat der Zoologe Desmond Morris einst in seinen Bücherl „Der nackte Affe“ angestellt. Immer noch lesenwert.

(Das Bild links ist einem historischen Nachschlagewerk entnommen, in dem die Trennung zwischen Affe und Mensch nicht so genau genommen wurde)

Beobachtest du beispielsweise die geschickten haarigen Gesellen in Delhi oder Bangalore, stellst du dir schon die Frage, ob die Rhesusaffen nicht längst eine höhere Entwicklungsstufe erklommen haben. Das sind die wahren Überlebenskünstler der Stadt. Da knurrt keinem der Magen, die werden nicht entmietet, die stehen nie im Stau oder zerknautscht-schwitzend im Bus, brauchen kein Tinder um sich zu vergnügen und scheinen weder Burn – noch Bore out zu kennen. Und von Altersarmut oder Modediktat keine Spur. (So weit meine Beobachtungen diese Schlüsse zulassen)

Und wenn du dir an einer verkehrschaotischen Kreuzung in München die Füße in den Bauch stehst und die Blechbüchsen zähflüssig an dir vorbeistromen, scheint es so, als seien wir unseren undankbaren Bau-Molochen weit weniger gewachsen. Irgendwann einmal sind sie hochgezogen worden, damit die Leut komod leben können. Frommer Wunsch. Das haben wir scheinbar hinter uns gelassen.

Beschwingt über die Dächer kraxeln, beim Viktualienmarkt leckere Früchte mitgehen lassen, und sonst das Fell in der Sonne wärmen, wär doch nicht das Schlechteste. Läuse hin oder her, die zupft dir die Nachbarin mit Begeisterung zärtlich aus der Wolle. Vereinsamung ist jedenfalls kein Thema und Anbahnung scheint in jeglicher Hinsicht wenig komplex.

Was du in den angestrengten Mienen der Vorüberhastenden lesen kannst, ist oft eher Kampf denn High-Life. So, als wär man ständig im Überlebensmodus und einmal nicht aufgepasst – schwupps – die Stadt hat dich fertig gemacht, die Runde wieder mal gewonnen und tanzt auf.

Okay.  Ich hör schon die ersten murren, dann ab mit dir zurück in die Steinzeit.
Na ja, ist es undenkbar, Blinddarm OPs, Klospülung und Running Sushi zu bekommen, ohne einen Thermomix dazu, Computerviren, Fernbedienungen mit siebenundachtzig Funktionen, die keine Sau braucht und Straßen kurz vorm Infarkt? Fortschritt und Fortschritt sind halt zweierlei.
Sorry, kleiner Anflug von Naivität. Keine Sorge, ist nicht ansteckend.

Als Habitat ist München jedenfalls bestens für zwei und vierbeinige Viecher aller Art geeignet. Du findest massig Wildtiere, gefiedert und bepelzt, nicht nur in den Isarauen. (Von Hunden ganz zu schweigen, die werden eh die Stadt übernehmen, sobald sie sich in der Überzahl wähnen)
Es mag mich täuschen, aber  die Viecher wirken entspannter, als die menschlichen Mitbewohner, obwohl sie seltener eine Bierflasche zwischen den Pfoten haben.
Nichts desdo Trotz möcht ich mit keinem Eichhörnchen und keiner Ratz tauschen, obwohl es vielleicht gut täte, die Stadt wäre en Gros a bisserl bewohnbarer. Beschauliche oder spannende Flecken findest du trotzdem zuhauf, an denen du die Stadt genießen und inhalieren kannst und Exitement bietet sie auf jeden Fall in alle Richtungen, wenn du dich drauf einlassen magst.

Fort wir schreiten. Genug gelaufen.

Will man in der City kuschligen Kontakt zum Mitmenschen, ihn erschnuppern, spüren, sich an ihm reiben, quasi Haut an Haut, auf engstem Raum – klar, dann könnte man in einen angesagten Club oder zur Ü30, respektive Afterwork-Party – alternativ bietet sich ein Trip mit der U-Bahn an. Am besten zur Messezeit.
„Wenn wir an der Macht sind, dann werdets ihr schon sehng!“, hat letztlich ein Mitfünfziger in betagter Gewandung uns Mitreisenden mit erhobenem Zeigefinger in der U2 angekündigt. Wer „wir“ und „ihr“ spielen sollte/musste, war nicht ganz eindeutig. Das Artikulieren und der sichere Stand  haben ihm sichtlich Mühe bereitet.
Einheimische reagieren darauf meist stoisch. Jeder darf postulieren was er mag, solang er dir nicht an die Wäsche geht, gelebte Meinungsfreiheit in den öffentlichen Verkehrsmitteln.
„Möge die Macht mit dir sein“, hat ein zartes Stimmchen gefiept, vielleicht Obi-Wan Kenobi, jedenfalls ein ländlich Zugereister. Jeder native Städter wüsste, das es ein Fehler ist, solcherart miteilsame Gesellen durch Repliken zu ermuntern. Das kann zu einem regressiven Sprechdurchfall führen.

Mehr als ein „da werds schauen! Ihr könnts nur unser Geld einschieben!“, kam aber nicht zurück. Argumentativ dünnes Eis. Das wird ja immer denen vorgehalten, die eh auf Naht genäht sind und „unserer Geld“ nur anschauen, aber nicht anfassen dürfen.
„Ah geh, du Aff!“, rief schließlich eine ältere Dame neben ihm entnervt, allem äußerem Anschein nach wohlsituiert und verschwenderisch mit „unserem Geld“ ausgestattet.

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Da schließt sich der Kreis. Nein, das war eine Fehleinschätzung. Ein Affe war das definitiv nicht. Eher einer von denjenigen Gestalten, die gern als abgehängt bezeichnet werden, von der Stadt und dem Dasein durchgekaut und ausgespuckt. Keine Macht würde das je für ihn verändern, wurscht wer was zu sagen, respektive zu befehlen hätte. Da wär ich pessimistisch, es sei denn, eine höhere Instanz mischt mit, falls der Mann einem Glauben anhinge, der postmortal Gewinn abwirft.
Quelle

Resümierend betrachtet: So etwas würde einem „Aff“ mit der Stadt nicht passieren. Den könntest du daran erkennen, dass er sich nicht (r)unterkriegen lässt, hoch oben über den Dächern.

Über Roland Krause

Autor aus München, Geschichtenerzähler Romane: "Der Sandner und die Ringgeister" Piper Verlag 2011 "Fuchsteufelswild" Piper Verlag 2012 "Der Tod kann warten" 2013 "Hurenballade - Stories" 2016
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